Die Nodal Person -
Tödliche Netzwerke
Leseprobe: Prolog
Am Montagabend saß Staatsanwalt Henry Meyers in seinem Büro im Herzen des Londoner Regierungsviertels und bereitete sich auf die Verhandlung am nächsten Morgen vor. Obwohl der Fall einfach erschien, beschlich ihn ein Gefühl der Unsicherheit.
Ein Studienfreund hatte ihm einen Hinweis gegeben – doch wenige Tage später stellte ein Anruf alles infrage. Die weibliche Stimme klang ruhig, gleichzeitig eiskalt.
»Lassen Sie Julian Schmitt laufen. Sollten Sie ihn zum Reden zwingen, werden Sie erfahren, wie tödlich unser Netzwerk ist.«
Seitdem ließ ihn der Eindruck nicht mehr los, beobachtet zu werden. Immer wieder dachte er an den Drohanruf. Es war nicht sein erster – doch dieser hallte nach.
Henry Meyers strich sich über die lichter werdende Stelle seines Kopfes. Das Gesicht war von Narben gezeichnet, die Brille mit dicken Gläsern dominierte es. Seine kräftige Statur zwang ihn, stets maßgeschneiderte Anzüge zu tragen.
Seit über dreißig Jahren arbeitete er in der Staatsanwaltschaft und war bekannt für seine rigorose Aufarbeitung von Finanz- und Bandenkriminalität. Doch hin und wieder landeten auch kleinere Delikte auf seinem Schreibtisch. Aktuell war es der Fall von Julian Schmitt, einen vierzigjährigen Deutschen. Meyers vermutete, dass der Mann Teil eines Netzwerks war – ein Kurier. Doch Beweise fehlten.
Vor sechs Wochen war Schmitt während einer Routinekontrolle an Bord der Fähre von Dover nach Calais mit mehr als 20.000 britischen Pfund Bargeld aufgegriffen worden. Eine glaubwürdige Erklärung, warum er das Geld bei sich trug, hatte er nicht – auch zur Herkunft des Geldes gab er keine Auskunft.
Der Staatsanwalt kontrollierte ein letztes Mal seine Unterlagen. Am nächsten Morgen wollte er in der Verhandlung beantragen, dass gegen den mutmaßlichen Kurier eine hohe Geldstrafe verhängt wird. Nun galt es nur noch, den Richter für sich zu gewinnen.
Doch im Grunde war das Urteil für ihn nur zweitrangig.
Seine Hoffnung galt der Konfrontation mit dem einzigen Zeugen – dem Besitzer einer Import- und Exportfirma, den er persönlich besucht und vorgeladen hatte. Er setzte darauf, dass der Angeklagte im Gerichtssaal den Firmeninhaber beschuldigen und so das Geheimnis ihrer Zusammenarbeit oder illegalen Geschäfte lüften würde.
Meyers ging zum Fenster und öffnete es kurz, um den stickigen Raum zu lüften. Auf der Kommode daneben stand ein Vogelkäfig.
»Komm schon, mein Kleiner. Traust du mir?« Er streckte dem Wellensittich den Finger hin, der sofort zuschnappte. Schnell zog er ihn wieder weg und lachte. Den verunsicherten Angeklagten hatte er dabei bereits im Zeugenstand vor Augen.
Mittlerweile war es acht Uhr abends. Aus dem Drucker entnahm er einige Dokumente und legte sie in eine Papierakte. Auch ein Brief, den am Nachmittag ein Unbekannter bei seiner Sekretärin abgegeben hatte, kam dazu.
»Ein seriöser junger Mann«, hatte sie gesagt.
Briefe ohne Absender waren für ihn nichts Ungewöhnliches – doch diesen ließ er ungeöffnet. Außerdem brauchte er in den Verhandlungen nicht auf anonyme Hinweise zu setzen, da sie nur eingeschränkt verwertbar waren. Vielleicht würde er ihn auf dem Weg nach Hause lesen.
Er hob seinen Aktenkoffer auf den Schoß und steckte den Fall Schmitt in das mittlere Fach. Der Brief verschwand in einem schmaleren Fach davor. Auch eine gewöhnliche silberne Thermoskanne, die seine Frau täglich mit starkem Earl Grey füllte, verstaute er an gewohnter Stelle. Der abgewetzte Aktenkoffer aus braunem Leder war ein Geschenk seiner Mutter – eine bleibende Erinnerung.
Abschließend ordnete er sorgfältig die Kugelschreiber und Papiere auf der Arbeitsfläche, bevor er die Schreibtischlampe ausschaltete. Nun lag sein Arbeitszimmer nur noch im fahlen Schein des gelblichen Lichts der Straßenlaternen. Der Vogelkäfig warf einen langen Schatten, den der Teppich verschluckte.
Nachdem Meyers die Tür hinter sich geschlossen hatte, drehte er den Schlüssel zweimal herum. Der breite Gang davor wirkte im Vergleich zu seinem Büro völlig anders – kühl und steril.
Mit ruhigen Schritten verließ er das Gebäude. Um diese Zeit hatte sich der schlimmste Pendlerverkehr bereits gelegt und die Züge der Tube waren deutlich leerer.
Auf dem Weg durch das Regierungsviertel schaute er sich mehrmals um – doch niemand folgte ihm. Weder der Angeklagte noch der anonyme Anruf gingen ihm aus dem Kopf. Er ärgerte sich, keine Details zur Herkunft des Geldes gefunden zu haben. Meyers hatte nur diesen einen Zeugen. Vielleicht würde Schmitt reden, wenn er seinem potenziellen Auftraggeber gegenüberstand. Eine Chance, jene Personen zu entlarven, die im Hintergrund die Fäden zogen. Auch den Namen der unbekannten Anruferin hoffte er zu erfahren.
Als er den unterirdischen Bahnsteig erreichte, ließ er seinen Blick über die alte Bausubstanz der Station schweifen. Die weiß gekachelten Wände, die flackernden Leuchtstoffröhren und das allgegenwärtige Logo der Londoner Tube waren ihm so vertraut wie das markante Rumpeln eines einfahrenden Zuges.
Das tiefe Schwarz der runden Röhre wurde von den Scheinwerfern durchbrochen. Wenige Sekunden später rauschte der Zug aus dem dunklen Tunnel hervor. Das laute Quietschen der Räder hallte durch die Station.
Automatisch trat Meyers einen Schritt zurück.
In diesem Moment spürte er einen kräftigen Stoß von hinten – roh und so heftig, dass er den Boden unter den Füßen verlor.
»Passen Sie auf«, begann er zu schimpfen, doch sein schwerer Körper geriet sofort aus dem Gleichgewicht. Die Kante des Bahnsteigs kam gefährlich nahe und Panik durchfuhr ihn, als er nach vorne stolperte.
»Nein! Stopp!«, schrie Meyers verzweifelt und ruderte instinktiv mit den Armen. Der Aktenkoffer schlug neben ihm auf den Boden, während seine Hände verzweifelt nach Halt suchten – nach einer Schulter, einer Stange, irgendetwas, das ihn retten konnte. Doch da war nichts.
Er griff ins Leere, rutschte mit dem rechten Fuß über die gelbe Warnlinie und die Bahnsteigkante.
Für den Bruchteil einer Sekunde war alles still.
Das letzte, was er sah, waren die aufgerissenen Augen des Zugführers hinter der Scheibe.
Ein verzweifelter Schrei – dann kam der Aufprall. Der einfahrende Zug erfasste ihn mit voller Wucht. Sein Körper wurde für einen Moment mitgerissen und verschwand unter den tonnenschweren Wagen.
Der Tod kam in wenigen Sekunden.
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