Das Nodal System -
Tödliche Kontrolle

Leseprobe: Prolog

Tief unter der Erde schluckten die alten Backsteinwände das schwache Licht einer Glühlampe, nicht aber die Fahrgeräusche der London Tube. Alle paar Minuten fuhr ein Zug durch den engen Tunnel und ließ die Wände des kleinen Raums spürbar erzittern. Ein Ort, der längst aufgegeben worden war und vergessen zwischen zwei Stationen lag.

Die gewölbte Decke war brüchig und wurde von breiten Eisenträgern gestützt. An einem Stahlträger sammelte sich eindringendes Wasser und ließ einen Tropfen wachsen, bis die Schwerkraft ihn vom rostigen Metall löste.

Er fiel hinab und traf exakt dieselbe Stelle am Hinterkopf des gefesselten Mannes wie alle anderen zuvor. Der Tropfen zerplatzte in feine Wasserteilchen, die in einem feuchten Streifen durch seine kurzen Nackenhaare liefen. Schließlich versickerten sie im schwarzen Jackett, das längst von kaltem Schweiß durchtränkt war.

Feuchtigkeit. Hilflosigkeit. Angst.

Drei Gegner, gegen die Peter Harrington nichts ausrichten konnte.

Arme und Beine waren mit breitem Klebeband gefesselt, der Kopf mit einem Tuch an rostigen Haken in der Wand fixiert. Sein Körper war vollkommen regungslos und verkrampft in eine Haltung gezwungen, die jede Gegenwehr im Keim erstickte. Eine bewusst gewählte Situation. Entwürdigend und darauf ausgelegt, ihn Stück für Stück zu brechen.

Der Knebel erschwerte ihm das Atmen. Ein langes Stück Klebeband hielt ihn tief in seinem Mund und verhinderte, dass er den Knebel ausspucken oder um Hilfe rufen konnte. Doch selbst ohne diese Maßnahme hätten seine Schreie niemanden erreicht.

Wieder rollten die Stahlräder eines Zuges näher. Zunächst war nur ein fernes Grollen zu hören, das sich allmählich zu einem lauten Donnern steigerte. Das Mauerwerk vibrierte, als die schweren Waggons vorbeirasten.

Gleichzeitig fiel der nächste Tropfen und traf diesmal nicht nur Harringtons Körper, sondern auch seinen Willen. Etwas in ihm gab nach. Leise und endgültig.

Mit aller Kraft versuchte er, seine Position wenigstens um wenige Zentimeter zu verändern, doch seine Muskeln begannen sofort unkontrolliert zu zittern. Auch dieser Versuch scheiterte. Seine Kraftreserven waren erschöpft.

Ein Moment, in dem er jede Information preisgegeben hätte – ohne Zögern, ohne Abwägung. Nur um die Schmerzen für einen Augenblick zu lindern.

Langsam ebbte das Dröhnen wieder ab, bis der Lärm des Zuges fast vollständig verstummte und nur ein leises Nachhallen zurückblieb. Schließlich wurde es still.

Sein Herz schlug hart und unregelmäßig. Jeder einzelne Schlag presste das Blut in seinen Kopf, als wolle es ihn warnen. Erneut verkrampften sich seine Muskeln. Stärker und schmerzhafter als zuvor. Er ahnte, dass seine Zeit ablief, und blickte ein weiteres Mal auf die gegenüberliegende Wand, an der eine falsche Banknote in Augenhöhe klebte. Schlecht kopiert und an den Rändern eingerissen. Dennoch war das Gesicht der Frau darauf unverkennbar.

Mit jedem vorbeifahrenden Zug zuckten durch den schmalen Spalt zwischen Mauer und Türrahmen kurze Lichtreflexe über den Geldschein. Stundenlang hatte er ihr Gesicht angestarrt. Und mit jeder weiteren Sekunde wuchs der Zweifel, ob sie wirklich die war, für die er sie gehalten hatte.

Peter Harrington zwang sich, klar zu denken und suchte verzweifelt nach einem Hinweis. Er musste irgendetwas übersehen haben. Irgendein auffälliges Verhalten. Eine zu enge Verbindung zu einem Kunden. Oder sogar eine Zusammenarbeit mit der Person, die seine Zwangslage zu verantworten hatte.

Vielleicht hatte er sich tatsächlich getäuscht und die Frau auf dem Geldschein war doch nicht die zuverlässige Mitarbeiterin, für die er sie gehalten hatte.

»Lass mich hier raus!«, presste er mit letzter Kraft in den Knebel – wissend, dass ihn niemand hören würde. Die Worte blieben dumpf und verschluckt. Eine Anstrengung, die seinen Puls weiter beschleunigte.

Plötzlich bemerkte Harrington, dass sich sein Blickfeld verengte. Erst langsam, dann immer schneller. Gleichzeitig registrierte er, wie die Konturen der Banknote verschwammen und sich im fahlen Licht der Glühlampe auflösten.

Seine Kräfte ließen endgültig nach.

Dann wurde alles schwarz.

 

***

 

Unter den Straßen Londons hielt sich Max Lennox in einem Zug der Piccadilly Line fest, den Blick gedankenverloren auf das Fenster gerichtet. Nur wenige Zentimeter dahinter zogen die Tunnelwände vorbei. Für den Bruchteil einer Sekunde fiel eine rostige Stahltür in sein Sichtfeld, doch er schenkte ihr keine Beachtung.

Seit Beginn der Ermittlungen versuchte Max herauszufinden, welche Geheimnisse das Netzwerk um die geflüchtete Tamsin Taylor verbarg. Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass die Informationen, die er zusammengetragen hatte, nicht vollständig zum Gesamtbild passten. Nach über zehn Wochen Ermittlungsarbeit gab es noch immer zu viele Lücken und zu wenige schlüssige Antworten.

Vermeintliche Zufälle, die keine waren.

Gegenspieler, die unsichtbar blieben.

In Gedanken versunken verpasste er fast den Ausstieg an der Holborn Station. Mit ein paar schnellen Schritten drängte er sich an den stehenden Fahrgästen vorbei und schlüpfte gerade noch durch die sich schließende Tür.

Auf dem Bahnsteig blieb er stehen und sah dem ausfahrenden Zug hinterher. Als die letzten Fahrgäste in Richtung Oberfläche verschwanden, war er allein. Nur die Kameras unter der Tunneldecke beobachteten mit ihm die menschenleere Station. Reglos, aber wachsam.

»Verfolgst du uns noch immer?« Er sprach leise und ließ den Blick über den Bahnsteig schweifen. 

Schließlich blieb seine Aufmerksamkeit an einem Werbeplakat hängen. Es zeigte eine dunkelhaarige Frau an einem Strand. Im Hintergrund verließ ein großer Katamaran mit gesetzten Segeln die Bucht und fuhr dem Sonnenuntergang entgegen.

Wo wolltest du hin, Taylor?

Die Polizei hatte ihren Katamaran beschlagnahmt und mit einer schweren Kette gesichert. Während der Durchsuchung fanden die Ermittler allerdings keine Hinweise, die ihren aktuellen Aufenthaltsort verrieten.

Schlagartig riss ihn das Klingeln seines Telefons zurück in die Wirklichkeit. Max griff in seine Jackentasche und nahm den Anruf entgegen, doch noch bevor er seinen Namen sagen konnte, hörte er eine aufgeregte Frauenstimme am anderen Ende.

»Wir haben eine Nachricht bekommen. Peter Harrington wurde entführt.«

 

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